Mittwoch, 23. Juli 2008
Sonntag, 30. März 2008
Hier nun der zweite Erfahrungsbericht. In ihm erfahrt ihr mehr ueber mein Projekt, meine Arbeit und meine koenigliche Residenz. Solange ihr also nicht gerade nach Neuseeland kommen wollt und in einem der Health Camps arbeiten wollt, kann man diesen Bericht auch ohne weiteres ueberspringen. Da ich ihn ja aber sowieso fuer meine Austauschorga schreiben musste, dachte ich mir, stell ich ihn einfach mal rein. Viel Spass!
Te Puna Whaiora “The Princess of Wales Children’s Health Camp”. Unsere Arbeit und unser Zuhause – unser Projekt. Doch was genau ist das überhaupt? Wenn man das erste Mal von einem Children’s Health Camp hört, kann man sich zunächst einmal nicht so wirklich etwas darunter vorstellen. So ging es auch uns, als wir in Deutschland die eher dürftigen Projektbeschreibungen lasen. Zunächst stellten wir uns darunter eine Art Kinderheim vor. Tatsächlich gibt es gewisse Parallelen – und dennoch hat es damit so gar nichts zu tun.
Es gibt in Neuseeland sieben dieser Einrichtungen, ein deutsches Pendant hierfür existiert nicht. In ein Health Camp kommen die Kinder aus den Unterschiedlichsten Gründen, bleiben jedoch nur für 5 Wochen. In dieser Zeit werden sie in den ihren Bedürfnissen entsprechenden Gruppen therapiert und verlassen das Camp in diesem Zeitraum nur in Ausnahmefällen, wenn sie z.B. von ihren Eltern übers Wochenende abgeholt werden. Ein Grund für einen Besuch im Camp könnte u.a. sein, dass das Kind starke Wutprobleme hat oder schwer erziehbar ist, was bei dem Großteil der Kinder der Fall ist. Es könnte auch sein, dass ein Familienmitglied gestorben ist, sich die Eltern getrennt haben, oder dass das Kind kürzlich adoptiert wurde und somit seine gesamte Familie verloren hat. Andere wiederum sind wegen weniger schwerwiegenden Problemen hier, wie Übergewicht oder weil die Kinder immer noch ihr Bett nässen. Einige Härtefälle haben schon ihre Schule angezündet (ihre Begründung war, dass der Unterricht so langweilig war – na dann…!), ihr Haustier aufgeschlitzt und sonst was angestellt, sind dann aber absolut witzige und nette Kinder, wenn man ihnen über den Weg läuft. Die Kinder im Camp sind zwischen 5 und 13 Jahren alt, wobei manche bereits einige Male im Camp waren. Ein Großteil der Kinder hier sind Maori, was zum einen wohl damit zu tun hat, dass es extrem viele Maoris hier in Rotorua gibt, da dies einer der Entstehungsort der Maorikultur war, zum anderen aber auch daran liegt, dass wir in unserem Health Camp generell mehr Maorikinder zugewiesen bekommen, da die Angestellten in unserem Camp überwiegend Maori sind, sie also besser mit den Maorikindern umgehen können, als das Personal anderer Health Camps, alleine schon, weil so manche Maorijungs nicht auf einen weißen (insbesondere weiße Frauen) hören würde. Viele der Kinder kommen aus der sozialen Unterschicht und haben alkohol- oder drogenabhängige Eltern (oder gar selbst schon diese Erfahrung gemacht), sind von zuhause Gewalt gewohnt und sind teilweise auch in das Gangleben involviert. Gangs haben in Neuseeland einen sehr starken Einfluss, aber dazu ein andern Mal mehr. Viele Kinder haben also keines Wegs ein geregeltes Leben oder gar drei Malzeiten am Tag. Um ihnen genau dies zu lehren, werden die Kinder morgens vom Aufstehen bis abends beim Einschlafen durchgehend betreut und beschäftigt. Dem Camp ist hierzu sogar eine eigene Schule angegliedert. Des Weiteren befinden sich auf dem Campgelände ein BMX-Track, ein Spielplatz, ein Schwimmbad, ein Basketballplatz, Sandkisten, sehr viel Wiese, Camp-Vans für Ausflüge und Kanus.
Ziel des ganzen ist es, den Kindern eine Art beständige Widerstandsfähigkeit (resiliency) gegenüber Problemen in ihrem Leben (Zukünftiges, sowie Vergangenes) zu vermitteln. Dies wird für das Kind durch spezielle, möglichst simple, jedoch wirksame und flexible Strategien zu erreichen versucht. Dies sind keine Strategien, wie mit dem Kind umzugehen ist (das gibt es auch), sondern viel mehr Strategien für das Kind selbst, um mit schwierigen Situationen umzugehen. Jedes Kind hat hierfür einen Fieldworker, einen Keyworker und einen Mentor, welche sich intensiv mit dem Kind beschäftigen sollen. Auch möchte man den Kindern dem mit Leben, dass sie hier im Camp führen, zeigen, dass es auch anders geht (der alternate mirror), dass sie die Möglichkeit haben, sich durch Bildung und damit durch einem Beruf ein geregeltes Leben ohne Gewalt zu ermöglichen. – So weit der Plan! Denn auch wenn sich dies in der Theorie alles recht schön anhört, so sieht es in der Praxis leider nicht so rosig aus.
Das Health Camp ist personell total unterbesetzt. Es ist einfach schlicht unmöglich die Kinder ausreichend one-on-one zu betreuen, wenn pro Schlafsaal (ca. 5-18 Kinder) nur zwei - manchmal nur ein - RSW (Residential Servic Worker) da ist, um die Kinder zu betreuen, sie bei den activities zu überwachen, diese vorher planen und vorzubereiten und ganz nebenbei noch über alle ausführliche Berichte zu schreiben. Hinzu kommt, dass sie die Kinder selbstverständlich unter keinen Umständen jemals unbeaufsichtigt lassen dürfen, aber zwischendurch Kleinigkeiten, wie z.B. Handtücher, besorgen müssen oder wie gesagt ihre Berichte schreiben müssen, was offensichtlich schwierig wird, wenn es nur einen Betreuer gibt. Dies führt dazu, dass permanent die Berichterstattung im Rückstand, was wiederum zur Folge hat, dass viele Angestellte nicht nur unbezahlte Überstunden nehmen müssen, um ihre Berichte zu schreiben, sondern manchmal auch an ihren freien Tagen kommen müssen, da der Schreibaufwand einfach zu viel ist für ein paar Stunden. Auch hat die mangelnde Aktualität der Berichte zur Folge, dass einige Informationen von einer Schicht zur anderen nicht weiter gegeben werden, was ,insbesondere wenn es um gewaltsame Zwischenfälle ging, nicht besonders hilfreich für die angebrachte Betreuung der Kinder ist. Wäre mehr Personal vorhanden, könnte man wesentlich mehr individuell mit den Kindern arbeiten und sie noch spezifischer therapieren.
Das nächste Problem ist, dass das vorhandene Personal größtenteils absolut unqualifiziert ist. Das fängt bei dem Umgang mit den Kindern an, für den es einen großen Umfang an Vorschriften gibt, die großflächig ignoriert werden. Diese Ignoranz geht mit einer Unwissenheit bezüglich vieler Ideologien und deren Ausführung kombiniert mit einem Desinteresse an selbigen und nicht selten einer starken Demotivation bezüglich der gesamten Arbeit einher. So gibt es in Sachen Desinteresse und Demotivation beispielsweise Arbeiter, die schlicht faul sind, sich vor jeder arbeit drücken und vieles nicht einmal dann erledigen, wenn sie von ihrem Vorgesetzten direkt darauf angesprochen werden; Gucken weg wenn sich die Kinder prügeln in der Hoffnung jemand anderes würde intervenieren, so dass sie nicht selber die Berichte für diesen Zwischenfall ausfüllen müssen; sagen sie könnten gerade nicht helfen, da sie einige wichtige Ressourcen aus der Stadt besorgen müssten und gehen dann ein paar Stunden shoppen. Das schlimmste daran ist, dass diese Leute schon 5 Jahre hier arbeiten und einfach nicht gefeuert werden. Die Konsequenz für die Kinder, deren Keyworker sie sind, ist eine erschreckend mangelhafte persönliche Betreuung. Eine andere Form der Demotivation zeigt sich im direkten Umgang mit den Kindern und dem Betreuen ihrer activities. Tatsächlich gibt es nur einen vergleichsweise geringen Anteil an gut motivierten Arbeitern. Wenn die Kinder ein Spiel spielen, stehen die meisten Arbeiter bloß gelangweilt am Rand und rufen „STOP!!“ wenn jemand etwas falsch macht. Diesen Menschen passiert es nur recht selten, dass sich mal ein Lächeln auf ihr Gesicht verirrt. Diese Form der Demotivation schlägt sich auch recht schnell auch auf die Kleinen nieder. Im Gegensatz dazu macht es den Kindern selbstverständlich wesentlich mehr Spaß von einem freundlichen, motivierten Betreuer begleitet zu werden, der ihnen die nötige Startzündung gibt, und dann ihre Energie katalysiert indem er ihnen vormacht wie viel Spaß das Spiel machen kann. Doch man kann den Angestellten zumindest ihre Unwissenheit kaum verübeln. Besteht ihre Ausbildung neben den wenigen Trainingstagen im Jahr doch aus ein paar lächerlichen Tests, genannt „On Job Learning System“ (OJLS). Hierfür ist vorgesehen, dass der Einzuweisende sich einen nach dem anderen Ordner voll mit Vorschriften durchliest und dazu anschließend je einen schriftlichen Test ablegen muss. Allerdings sind die Fragen des Tests bereits vorher bekannt. Was also passiert ist, dass jedermann sich lediglich schnell die benötigten Antworten zusammensucht, anstatt die Vorschriften jemals wirklich gelesen zu haben. Der Eindruck der unqualifizierten Angestellten vervollständigte sich dann als wir an einem der Trainingstage mit all den Angestellten zusammen einige Grammatikübungen bearbeiten mussten. Die Übungen bestanden größtenteils aus Stoff, denn man selbst noch aus den ersten vier Jahren Schulenglisch kennt, doch tatsächlich waren einige der Angestellten immer wieder überglücklich, wenn sie dann doch mal eine Frage richtig beantwortet hatten. Grund dieser Grammatikübung war, dass ein Teil der bisher verfassten Berichte wohl in einem absolut unmöglichen Zustand waren.
Zumindest das Problem des unterbesetzten Personals sollte sich regeln lassen, meint man. Doch die Managerin will nicht zu viele Leute einstellen – sie spart wo sie nur kann. Im Gegensatz zu vielen anderen Health Camp Managern, die in ihr Camp stecken, was auch immer sie vom Staat nur kriegen können, versucht unsere Managerin stets möglichst viel von ihrem Budget zurück zu geben, um selbst gut dar zu stehen (und laut einiger Angestellter auch um einen höheren Weihnachtsbonus zu bekommen, was aber eher fraglich ist). Diese Sparwut verbunden mit der Unzuverlässigkeit des Staates, wenn tatsächlich einmal etwas benötigt wird, führt z.B. dazu, dass wir seit geraumer Zeit auf einen neuen Camp-Van warten – der alte ist bereits weg – und in diesem Zeitraum auch nichts mehr mit den Kindern außerhalb des Camps erledigen können, was normalerweise Gang und Gebe ist. Auch ist das Dach des Gebäudes durchlöchert wie ein Schweizer Käse, sodass es bei Regen überall durchsickert und die Masse der Auffangeimer einen irgendwie an einen Hindernisparkour erinnert. Nachdem die Managerin die Reparatur des Daches, und dem damit verbundenen Umbau von selbigem von Flachdach auf Schräge, so lange wie möglich hinausgezögert hat, lässt sich nun der Staat zeit. Papier ist geduldig. Ganz besonders wird übrigens beim Essen gespart. Zwar versucht die Köchin zwar das Bestes aus dem Budget zu machen und so manche Gerichte sind wirklich nicht zu verachten, doch nicht selten stellt die Qualität der Lebensmittel kombiniert mit den zuweilen eher zweifelhaften Künsten unserer geschätzten Köchin einfach ein zu großes Geschmackshindernis dar um sich tatsächlich satt zu essen. Wir hatten übrigens die Möglichkeit für eine Woche das Health Camp von Whangarei zu besuchen, wo uns eindrucksvoll demonstriert wurde, was man aus den verfügbaren Ressourcen alles machen kann. Neben der Tatsache, dass die Ausstattung auf dem Gelände wesentlich besser, größer, schöner und mehr war, sah das Camp auch von innen viel gemütlicher und kinderfreundlicher aus.
Als Begründung dafür, dass unser Camp keinerlei Innendekoration aufweist und durch diese Kälte eher einem Gefängnis als einem Health Camp gleicht wird immer wieder der Grund genannt, dass wir im Vergleich zu anderen Health Camps wesentlich mehr „High-Needs“ haben, also Kinder, die besonders schwer zu betreuen sind – sprich Kinder die bei jeder Kleinigkeit durchdrehen, mit dem Mobiliar um sich werfen und jede vorhandene Dekoration somit im Nu vernichten. Tatsächlich halten sich nicht einmal die Bilder an den Wänden besonders lange… . Die Überdurchschnittliche Menge an High-Needs sei auch der Grund dafür, dass kaum größere Aktivitäten mit den Kindern unternommen werden. Während andere Camps mit ihren Kinder regelmäßig Kanu fahren und Reiten, sei es mit unseren Kindern aufgrund der Unkontrollierbarkeit einiger und dem damit verbundenen „Riskmanagement“ zu aufwändig, zu gefährlich und zu viel Papierarbeit. Viele der länger Angestellten erzählen manchmal von den „alten Zeiten“, wo auch unser Camp noch regelmäßig solcherlei Dinge mit den Kids unternommen hat. Die Kanus sind beispielsweise noch da, vergammeln aber seit Dekaden im Schuppen. Auch verweisen die Angestellten dann häufig darauf, dass sie damals noch den alten Manager hatten. Zur Verteidigung der Managerin sei zu sagen, dass aus einem unempfindlichen Grund tatsächlich wesentlich mehr High-Needs in unser Camp kommen, als in andere. Es besteht also, wie oben bereits angesprochen, tatsächlich ein signifikanter Unterschied zwischen unseren Kindern und denen anderer Camps. Zum Vergleich: Während in unserem Camp Schlägereien zwischen den Kindern zum Alltag gehören, müssen in anderen Camps manche Kinder schon vorzeitig das Camp verlassen, da sie Schimpfwörter benutzt haben.
Ein weiteres Problem bei dem Versuch Kinder mit den unterschiedlichsten Problemen in einer Gruppe zusammen zu stecken und das Beste zu hoffen besteht darin, dass die Kinder, die z.B. hier sind, weil sie ein Familienmitglied verloren haben, Probleme haben Freundschaften zu schließen oder übergewichtig sind, um nur einige zu nennen, häufig unter den Kindern mit Wutproblemen zu leiden haben. So kommt es durchaus vor, dass einige Kinder, deren Eltern schon dem Gangleben frönen und die so etwas schon länger einmal selber ausprobieren wollten, sich zusammen tun und dann fröhlich zu dritt auf einen kleineren Spielgefährten eintreten. Wäre ja aber auch ein wirklich langweiliges Jahr, wenn nicht mal hier und da mal jemand aus dem Rahmen fällt…
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Erfolg des Health Camps zu wünschen übrig lässt. Hier und da gibt es durchaus Ergebnisse, doch waren diese Kinder dann meist auch schon das 5. Mal im Health Camp und ob die Tatsache, dass sich das Kind vom ersten bis zum letzten Besuch gebessert hat nun auf die je fünfwöchigen Campbesuche zurückzuführen sei oder schlicht auf die Individualentwicklung des Kindes, sei mal in den Raum gestellt. Man kann in fünf Wochen halt nicht korrigieren, was in 10 Jahren Erziehung (oder dem Nichtvorhandensein selbiger) versäumt wurde. Einige Kinder verschlimmern sich sogar während ihres Campaufenthaltes und kopieren das Verhalten der schwierigeren Kinder. Ein positiver Effekt des Health Camps ist, dass er sowohl Eltern wie auch Kindern eine kleine Auszeit gibt, was manchmal ja auch schon etwas ändern kann.
Soviel zum Health Camp an sich. Doch wie sieht es mit den Freiwilligen aus? Uns geht es eigentlich ziemlich gut. Wir residieren hier in der „Parent’s Unit“, einem extra Gebäude, in dem die Eltern untergebracht werden, wenn sie kommen, um ihre Kinder zu besuchen oder darin unterrichtet zu werden selbige zu erziehen. Wir haben hier jeder einen kleinen aber gemütlichen 12m² Raum, den mit der Zeit jeder seinen eigenen Wünschen entsprechend verschlimmbessert hat. Die ersten Nächte waren zwar nicht die wärmsten (wir haben mit Klamotten im Schlafsack unter den Decken gelegen und konnten nicht schlafen, weil wir so gefroren haben), da wir die Eckzimmer mit zwei Fenstern haben (Isolierung ist in Neuseeland ein Fremdwort). Doch nachdem wir unsere kleinen, heißgeliebten Heizlüfter bekamen war auch damit vorbei. Auch unsere anfänglichen Platz- und Kostensparenden Zusammensteck- Antientspannungsbetten wurden schon bald durch adäquate Doppelbetten ersetzt, so dass ein jeder bald über seine eigene kleine Präsidentensuite verfügte. Das Gebäude selbst hat neben den vielen Elternunterkünften eine große Küche das in ein Wohnzimmer übergeht und ein angegliedertes „Klassenzimmer“, in dem wie bereits angedeutet die Eltern in korrektem „parenting“ unterrichtet werden.
Das Zusammenleben mit den Eltern in dieser wöchentlich wechselnden WG hat durchaus seine Vorzüge. So hört man beispielsweise Meinungen zu bestimmten Themen aus den unterschiedlichsten Perspektiven und lernt eine Menge interessanter Leute kennen. Auf der anderen Seite führt die Tatsache, dass die meisten dieser Eltern aus Sozial schwachen Gegenden kommen, dazu, dass manchmal ein leicht asoziales Verhalten an den Tag gelegt wird: Es wird recht häufig gestohlen. Sei es nun der DVD-Player, Uhren, Schmuck oder auch nur ein paar Löffel und Gabeln. Auch hatten wir schon einen Mörder zum Mitbewohner, welcher übrigens überaus freundlich und zuvorkommend war. Die Eltern sind eigentlich alle sehr nett und freundlich. Da viele von ihnen von zu Hause aus keinen geregelten Lebensstil gewohnt sind und sie, wie auch ihre Kinder, u.a. hier sind um sich genau dies anzugewöhnen, wird von uns erwartet, dass wir eine positive Vorbildfunktion einnehmen und uns strickt an die Regeln halten, wie z.B. nach jeder Mahlzeit sofort das Geschirr abzuwaschen, kein Alkohol und keine Zigaretten. Selbstverständlich zieht das Rauchverbot bei Rauchern herzlich wenig, so ist auch die gesamte Belegschaft trotz Rauchverbot auf dem Gelände fröhlich am qualmen. Und wegen dem Alkoholverbot – naja… (-;
Wir haben übrigens freien Zugang zur kompletten Campausstattung. Wir können also das Schwimmbad jederzeit nutzen, uns BMX-Räder schnappen und durch die Red Woods cruisen, die DVD-Sammlung nutzen, Singstar spielen, mit den Kanus auf den Seen rumpaddeln oder auch einfach nur Trampolin springen, wenn uns danach ist.
Unsere Arbeit im Camp besteht aus dem Betreuen der Kinder, wie es auch die Arbeit der „Residential Worker“ ist. Dabei ersetzen wir jedoch keine Arbeitskraft, sondern unterstützen nur die vorhandenen. Tatsächlich können wir den Grad unserer Beteiligung weitest gehend selbst bestimmen. Heißt, wenn man sich danach fühlt kann man sich durchaus engagieren, Verantwortung übernehmen und über seine Aufgaben hinaus etwas auf die Beine stellen; auf der anderen Seite kann man sich genau so gut mal zurück lehnen und sich auf passives Supervising beschränken. Grund dafür ist, dass wir uns gewissermaßen in einer rechtlichen Grauzone befinden. Wir gelten nicht als Angestellte und haben daher einige Grenzen in unserem Verantwortungsbereich (dürfen beispielsweise nicht mit den Kindern alleine gelassen werden). Allerdings gibt es überhaupt keine richtige policy für Volunteers. Demnach wäre uns rein rechtlich eigentlich nur Rumsitzen und Beobachten gestattet, wofür wir ja aber nicht nach Neuseeland gekommen sind und was auch nicht wirklich dem Geist der freiwilligen Arbeit entspricht. Es gab diesbezüglich schon viel Verwirrung und Diskussionen. Da die meisten Arbeiter aber ziemlich vernünftig sind, können wir uns dennoch voll beteiligen (wie gesagt, wenn man will). Für zukünftige Volunteers hoffen wir aber, dass sich dies ändert und es eine policy für sie gibt damit ihre Arbeit dann auch rechtlich gedeckt ist.
Mit unseren zahlreichen Mitarbeitern hier im Camp verstehen wir uns übrigens ausgezeichnet. Von vielen wurden wir schon zum Dinner eingeladen oder sind mit ihnen ins Pub gegangen. Mit einigen haben wir uns dann auch öfters mal zum Rugby spielen getroffen und sind mit ihnen durch die Clubs gezogen.
Eine der Angestellten hier, mit der wir uns besonders gut verstehen und mit der wir auch schon öfters was unternommen haben, hat bevor sie in dieses Camp gekommen ist schon in vielen anderen Health Camps gearbeitet und kann somit ganz gut Vergleiche ziehen. Von ihr haben wir erfahren, dass dieses Health Camp in vielerlei Hinsicht das schlechteste von allen ist. Es hat also den Anschein, dass andere Einrichtungen durchaus erfolgreicher sind, beziehungsweise viele der oben genannten Punkte auf die auf sie nicht zutreffen. Wir können halt nur über dieses eine berichten. Lasst euch auch von der Kritik nicht einreden, dass hier alles schlecht sei. Wir haben hier eine wirklich wunderbare Zeit. Allerdings dachten wir uns, dass es dem Leser reichlich wenig bringt, wenn wir hier von all den tollen, positiven Dingen Berichten, die er auch überall anders erfahren kann. Stattdessen wollten wir über die Sachverhalte informieren, über die man sonst nirgendwo hören würde.
Te Puna Whaiora “The Princess of Wales Children’s Health Camp”. Unsere Arbeit und unser Zuhause – unser Projekt. Doch was genau ist das überhaupt? Wenn man das erste Mal von einem Children’s Health Camp hört, kann man sich zunächst einmal nicht so wirklich etwas darunter vorstellen. So ging es auch uns, als wir in Deutschland die eher dürftigen Projektbeschreibungen lasen. Zunächst stellten wir uns darunter eine Art Kinderheim vor. Tatsächlich gibt es gewisse Parallelen – und dennoch hat es damit so gar nichts zu tun.
Es gibt in Neuseeland sieben dieser Einrichtungen, ein deutsches Pendant hierfür existiert nicht. In ein Health Camp kommen die Kinder aus den Unterschiedlichsten Gründen, bleiben jedoch nur für 5 Wochen. In dieser Zeit werden sie in den ihren Bedürfnissen entsprechenden Gruppen therapiert und verlassen das Camp in diesem Zeitraum nur in Ausnahmefällen, wenn sie z.B. von ihren Eltern übers Wochenende abgeholt werden. Ein Grund für einen Besuch im Camp könnte u.a. sein, dass das Kind starke Wutprobleme hat oder schwer erziehbar ist, was bei dem Großteil der Kinder der Fall ist. Es könnte auch sein, dass ein Familienmitglied gestorben ist, sich die Eltern getrennt haben, oder dass das Kind kürzlich adoptiert wurde und somit seine gesamte Familie verloren hat. Andere wiederum sind wegen weniger schwerwiegenden Problemen hier, wie Übergewicht oder weil die Kinder immer noch ihr Bett nässen. Einige Härtefälle haben schon ihre Schule angezündet (ihre Begründung war, dass der Unterricht so langweilig war – na dann…!), ihr Haustier aufgeschlitzt und sonst was angestellt, sind dann aber absolut witzige und nette Kinder, wenn man ihnen über den Weg läuft. Die Kinder im Camp sind zwischen 5 und 13 Jahren alt, wobei manche bereits einige Male im Camp waren. Ein Großteil der Kinder hier sind Maori, was zum einen wohl damit zu tun hat, dass es extrem viele Maoris hier in Rotorua gibt, da dies einer der Entstehungsort der Maorikultur war, zum anderen aber auch daran liegt, dass wir in unserem Health Camp generell mehr Maorikinder zugewiesen bekommen, da die Angestellten in unserem Camp überwiegend Maori sind, sie also besser mit den Maorikindern umgehen können, als das Personal anderer Health Camps, alleine schon, weil so manche Maorijungs nicht auf einen weißen (insbesondere weiße Frauen) hören würde. Viele der Kinder kommen aus der sozialen Unterschicht und haben alkohol- oder drogenabhängige Eltern (oder gar selbst schon diese Erfahrung gemacht), sind von zuhause Gewalt gewohnt und sind teilweise auch in das Gangleben involviert. Gangs haben in Neuseeland einen sehr starken Einfluss, aber dazu ein andern Mal mehr. Viele Kinder haben also keines Wegs ein geregeltes Leben oder gar drei Malzeiten am Tag. Um ihnen genau dies zu lehren, werden die Kinder morgens vom Aufstehen bis abends beim Einschlafen durchgehend betreut und beschäftigt. Dem Camp ist hierzu sogar eine eigene Schule angegliedert. Des Weiteren befinden sich auf dem Campgelände ein BMX-Track, ein Spielplatz, ein Schwimmbad, ein Basketballplatz, Sandkisten, sehr viel Wiese, Camp-Vans für Ausflüge und Kanus.
Ziel des ganzen ist es, den Kindern eine Art beständige Widerstandsfähigkeit (resiliency) gegenüber Problemen in ihrem Leben (Zukünftiges, sowie Vergangenes) zu vermitteln. Dies wird für das Kind durch spezielle, möglichst simple, jedoch wirksame und flexible Strategien zu erreichen versucht. Dies sind keine Strategien, wie mit dem Kind umzugehen ist (das gibt es auch), sondern viel mehr Strategien für das Kind selbst, um mit schwierigen Situationen umzugehen. Jedes Kind hat hierfür einen Fieldworker, einen Keyworker und einen Mentor, welche sich intensiv mit dem Kind beschäftigen sollen. Auch möchte man den Kindern dem mit Leben, dass sie hier im Camp führen, zeigen, dass es auch anders geht (der alternate mirror), dass sie die Möglichkeit haben, sich durch Bildung und damit durch einem Beruf ein geregeltes Leben ohne Gewalt zu ermöglichen. – So weit der Plan! Denn auch wenn sich dies in der Theorie alles recht schön anhört, so sieht es in der Praxis leider nicht so rosig aus.
Das Health Camp ist personell total unterbesetzt. Es ist einfach schlicht unmöglich die Kinder ausreichend one-on-one zu betreuen, wenn pro Schlafsaal (ca. 5-18 Kinder) nur zwei - manchmal nur ein - RSW (Residential Servic Worker) da ist, um die Kinder zu betreuen, sie bei den activities zu überwachen, diese vorher planen und vorzubereiten und ganz nebenbei noch über alle ausführliche Berichte zu schreiben. Hinzu kommt, dass sie die Kinder selbstverständlich unter keinen Umständen jemals unbeaufsichtigt lassen dürfen, aber zwischendurch Kleinigkeiten, wie z.B. Handtücher, besorgen müssen oder wie gesagt ihre Berichte schreiben müssen, was offensichtlich schwierig wird, wenn es nur einen Betreuer gibt. Dies führt dazu, dass permanent die Berichterstattung im Rückstand, was wiederum zur Folge hat, dass viele Angestellte nicht nur unbezahlte Überstunden nehmen müssen, um ihre Berichte zu schreiben, sondern manchmal auch an ihren freien Tagen kommen müssen, da der Schreibaufwand einfach zu viel ist für ein paar Stunden. Auch hat die mangelnde Aktualität der Berichte zur Folge, dass einige Informationen von einer Schicht zur anderen nicht weiter gegeben werden, was ,insbesondere wenn es um gewaltsame Zwischenfälle ging, nicht besonders hilfreich für die angebrachte Betreuung der Kinder ist. Wäre mehr Personal vorhanden, könnte man wesentlich mehr individuell mit den Kindern arbeiten und sie noch spezifischer therapieren.
Das nächste Problem ist, dass das vorhandene Personal größtenteils absolut unqualifiziert ist. Das fängt bei dem Umgang mit den Kindern an, für den es einen großen Umfang an Vorschriften gibt, die großflächig ignoriert werden. Diese Ignoranz geht mit einer Unwissenheit bezüglich vieler Ideologien und deren Ausführung kombiniert mit einem Desinteresse an selbigen und nicht selten einer starken Demotivation bezüglich der gesamten Arbeit einher. So gibt es in Sachen Desinteresse und Demotivation beispielsweise Arbeiter, die schlicht faul sind, sich vor jeder arbeit drücken und vieles nicht einmal dann erledigen, wenn sie von ihrem Vorgesetzten direkt darauf angesprochen werden; Gucken weg wenn sich die Kinder prügeln in der Hoffnung jemand anderes würde intervenieren, so dass sie nicht selber die Berichte für diesen Zwischenfall ausfüllen müssen; sagen sie könnten gerade nicht helfen, da sie einige wichtige Ressourcen aus der Stadt besorgen müssten und gehen dann ein paar Stunden shoppen. Das schlimmste daran ist, dass diese Leute schon 5 Jahre hier arbeiten und einfach nicht gefeuert werden. Die Konsequenz für die Kinder, deren Keyworker sie sind, ist eine erschreckend mangelhafte persönliche Betreuung. Eine andere Form der Demotivation zeigt sich im direkten Umgang mit den Kindern und dem Betreuen ihrer activities. Tatsächlich gibt es nur einen vergleichsweise geringen Anteil an gut motivierten Arbeitern. Wenn die Kinder ein Spiel spielen, stehen die meisten Arbeiter bloß gelangweilt am Rand und rufen „STOP!!“ wenn jemand etwas falsch macht. Diesen Menschen passiert es nur recht selten, dass sich mal ein Lächeln auf ihr Gesicht verirrt. Diese Form der Demotivation schlägt sich auch recht schnell auch auf die Kleinen nieder. Im Gegensatz dazu macht es den Kindern selbstverständlich wesentlich mehr Spaß von einem freundlichen, motivierten Betreuer begleitet zu werden, der ihnen die nötige Startzündung gibt, und dann ihre Energie katalysiert indem er ihnen vormacht wie viel Spaß das Spiel machen kann. Doch man kann den Angestellten zumindest ihre Unwissenheit kaum verübeln. Besteht ihre Ausbildung neben den wenigen Trainingstagen im Jahr doch aus ein paar lächerlichen Tests, genannt „On Job Learning System“ (OJLS). Hierfür ist vorgesehen, dass der Einzuweisende sich einen nach dem anderen Ordner voll mit Vorschriften durchliest und dazu anschließend je einen schriftlichen Test ablegen muss. Allerdings sind die Fragen des Tests bereits vorher bekannt. Was also passiert ist, dass jedermann sich lediglich schnell die benötigten Antworten zusammensucht, anstatt die Vorschriften jemals wirklich gelesen zu haben. Der Eindruck der unqualifizierten Angestellten vervollständigte sich dann als wir an einem der Trainingstage mit all den Angestellten zusammen einige Grammatikübungen bearbeiten mussten. Die Übungen bestanden größtenteils aus Stoff, denn man selbst noch aus den ersten vier Jahren Schulenglisch kennt, doch tatsächlich waren einige der Angestellten immer wieder überglücklich, wenn sie dann doch mal eine Frage richtig beantwortet hatten. Grund dieser Grammatikübung war, dass ein Teil der bisher verfassten Berichte wohl in einem absolut unmöglichen Zustand waren.
Zumindest das Problem des unterbesetzten Personals sollte sich regeln lassen, meint man. Doch die Managerin will nicht zu viele Leute einstellen – sie spart wo sie nur kann. Im Gegensatz zu vielen anderen Health Camp Managern, die in ihr Camp stecken, was auch immer sie vom Staat nur kriegen können, versucht unsere Managerin stets möglichst viel von ihrem Budget zurück zu geben, um selbst gut dar zu stehen (und laut einiger Angestellter auch um einen höheren Weihnachtsbonus zu bekommen, was aber eher fraglich ist). Diese Sparwut verbunden mit der Unzuverlässigkeit des Staates, wenn tatsächlich einmal etwas benötigt wird, führt z.B. dazu, dass wir seit geraumer Zeit auf einen neuen Camp-Van warten – der alte ist bereits weg – und in diesem Zeitraum auch nichts mehr mit den Kindern außerhalb des Camps erledigen können, was normalerweise Gang und Gebe ist. Auch ist das Dach des Gebäudes durchlöchert wie ein Schweizer Käse, sodass es bei Regen überall durchsickert und die Masse der Auffangeimer einen irgendwie an einen Hindernisparkour erinnert. Nachdem die Managerin die Reparatur des Daches, und dem damit verbundenen Umbau von selbigem von Flachdach auf Schräge, so lange wie möglich hinausgezögert hat, lässt sich nun der Staat zeit. Papier ist geduldig. Ganz besonders wird übrigens beim Essen gespart. Zwar versucht die Köchin zwar das Bestes aus dem Budget zu machen und so manche Gerichte sind wirklich nicht zu verachten, doch nicht selten stellt die Qualität der Lebensmittel kombiniert mit den zuweilen eher zweifelhaften Künsten unserer geschätzten Köchin einfach ein zu großes Geschmackshindernis dar um sich tatsächlich satt zu essen. Wir hatten übrigens die Möglichkeit für eine Woche das Health Camp von Whangarei zu besuchen, wo uns eindrucksvoll demonstriert wurde, was man aus den verfügbaren Ressourcen alles machen kann. Neben der Tatsache, dass die Ausstattung auf dem Gelände wesentlich besser, größer, schöner und mehr war, sah das Camp auch von innen viel gemütlicher und kinderfreundlicher aus.
Als Begründung dafür, dass unser Camp keinerlei Innendekoration aufweist und durch diese Kälte eher einem Gefängnis als einem Health Camp gleicht wird immer wieder der Grund genannt, dass wir im Vergleich zu anderen Health Camps wesentlich mehr „High-Needs“ haben, also Kinder, die besonders schwer zu betreuen sind – sprich Kinder die bei jeder Kleinigkeit durchdrehen, mit dem Mobiliar um sich werfen und jede vorhandene Dekoration somit im Nu vernichten. Tatsächlich halten sich nicht einmal die Bilder an den Wänden besonders lange… . Die Überdurchschnittliche Menge an High-Needs sei auch der Grund dafür, dass kaum größere Aktivitäten mit den Kindern unternommen werden. Während andere Camps mit ihren Kinder regelmäßig Kanu fahren und Reiten, sei es mit unseren Kindern aufgrund der Unkontrollierbarkeit einiger und dem damit verbundenen „Riskmanagement“ zu aufwändig, zu gefährlich und zu viel Papierarbeit. Viele der länger Angestellten erzählen manchmal von den „alten Zeiten“, wo auch unser Camp noch regelmäßig solcherlei Dinge mit den Kids unternommen hat. Die Kanus sind beispielsweise noch da, vergammeln aber seit Dekaden im Schuppen. Auch verweisen die Angestellten dann häufig darauf, dass sie damals noch den alten Manager hatten. Zur Verteidigung der Managerin sei zu sagen, dass aus einem unempfindlichen Grund tatsächlich wesentlich mehr High-Needs in unser Camp kommen, als in andere. Es besteht also, wie oben bereits angesprochen, tatsächlich ein signifikanter Unterschied zwischen unseren Kindern und denen anderer Camps. Zum Vergleich: Während in unserem Camp Schlägereien zwischen den Kindern zum Alltag gehören, müssen in anderen Camps manche Kinder schon vorzeitig das Camp verlassen, da sie Schimpfwörter benutzt haben.
Ein weiteres Problem bei dem Versuch Kinder mit den unterschiedlichsten Problemen in einer Gruppe zusammen zu stecken und das Beste zu hoffen besteht darin, dass die Kinder, die z.B. hier sind, weil sie ein Familienmitglied verloren haben, Probleme haben Freundschaften zu schließen oder übergewichtig sind, um nur einige zu nennen, häufig unter den Kindern mit Wutproblemen zu leiden haben. So kommt es durchaus vor, dass einige Kinder, deren Eltern schon dem Gangleben frönen und die so etwas schon länger einmal selber ausprobieren wollten, sich zusammen tun und dann fröhlich zu dritt auf einen kleineren Spielgefährten eintreten. Wäre ja aber auch ein wirklich langweiliges Jahr, wenn nicht mal hier und da mal jemand aus dem Rahmen fällt…
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Erfolg des Health Camps zu wünschen übrig lässt. Hier und da gibt es durchaus Ergebnisse, doch waren diese Kinder dann meist auch schon das 5. Mal im Health Camp und ob die Tatsache, dass sich das Kind vom ersten bis zum letzten Besuch gebessert hat nun auf die je fünfwöchigen Campbesuche zurückzuführen sei oder schlicht auf die Individualentwicklung des Kindes, sei mal in den Raum gestellt. Man kann in fünf Wochen halt nicht korrigieren, was in 10 Jahren Erziehung (oder dem Nichtvorhandensein selbiger) versäumt wurde. Einige Kinder verschlimmern sich sogar während ihres Campaufenthaltes und kopieren das Verhalten der schwierigeren Kinder. Ein positiver Effekt des Health Camps ist, dass er sowohl Eltern wie auch Kindern eine kleine Auszeit gibt, was manchmal ja auch schon etwas ändern kann.
Soviel zum Health Camp an sich. Doch wie sieht es mit den Freiwilligen aus? Uns geht es eigentlich ziemlich gut. Wir residieren hier in der „Parent’s Unit“, einem extra Gebäude, in dem die Eltern untergebracht werden, wenn sie kommen, um ihre Kinder zu besuchen oder darin unterrichtet zu werden selbige zu erziehen. Wir haben hier jeder einen kleinen aber gemütlichen 12m² Raum, den mit der Zeit jeder seinen eigenen Wünschen entsprechend verschlimmbessert hat. Die ersten Nächte waren zwar nicht die wärmsten (wir haben mit Klamotten im Schlafsack unter den Decken gelegen und konnten nicht schlafen, weil wir so gefroren haben), da wir die Eckzimmer mit zwei Fenstern haben (Isolierung ist in Neuseeland ein Fremdwort). Doch nachdem wir unsere kleinen, heißgeliebten Heizlüfter bekamen war auch damit vorbei. Auch unsere anfänglichen Platz- und Kostensparenden Zusammensteck- Antientspannungsbetten wurden schon bald durch adäquate Doppelbetten ersetzt, so dass ein jeder bald über seine eigene kleine Präsidentensuite verfügte. Das Gebäude selbst hat neben den vielen Elternunterkünften eine große Küche das in ein Wohnzimmer übergeht und ein angegliedertes „Klassenzimmer“, in dem wie bereits angedeutet die Eltern in korrektem „parenting“ unterrichtet werden.
Das Zusammenleben mit den Eltern in dieser wöchentlich wechselnden WG hat durchaus seine Vorzüge. So hört man beispielsweise Meinungen zu bestimmten Themen aus den unterschiedlichsten Perspektiven und lernt eine Menge interessanter Leute kennen. Auf der anderen Seite führt die Tatsache, dass die meisten dieser Eltern aus Sozial schwachen Gegenden kommen, dazu, dass manchmal ein leicht asoziales Verhalten an den Tag gelegt wird: Es wird recht häufig gestohlen. Sei es nun der DVD-Player, Uhren, Schmuck oder auch nur ein paar Löffel und Gabeln. Auch hatten wir schon einen Mörder zum Mitbewohner, welcher übrigens überaus freundlich und zuvorkommend war. Die Eltern sind eigentlich alle sehr nett und freundlich. Da viele von ihnen von zu Hause aus keinen geregelten Lebensstil gewohnt sind und sie, wie auch ihre Kinder, u.a. hier sind um sich genau dies anzugewöhnen, wird von uns erwartet, dass wir eine positive Vorbildfunktion einnehmen und uns strickt an die Regeln halten, wie z.B. nach jeder Mahlzeit sofort das Geschirr abzuwaschen, kein Alkohol und keine Zigaretten. Selbstverständlich zieht das Rauchverbot bei Rauchern herzlich wenig, so ist auch die gesamte Belegschaft trotz Rauchverbot auf dem Gelände fröhlich am qualmen. Und wegen dem Alkoholverbot – naja… (-;
Wir haben übrigens freien Zugang zur kompletten Campausstattung. Wir können also das Schwimmbad jederzeit nutzen, uns BMX-Räder schnappen und durch die Red Woods cruisen, die DVD-Sammlung nutzen, Singstar spielen, mit den Kanus auf den Seen rumpaddeln oder auch einfach nur Trampolin springen, wenn uns danach ist.
Unsere Arbeit im Camp besteht aus dem Betreuen der Kinder, wie es auch die Arbeit der „Residential Worker“ ist. Dabei ersetzen wir jedoch keine Arbeitskraft, sondern unterstützen nur die vorhandenen. Tatsächlich können wir den Grad unserer Beteiligung weitest gehend selbst bestimmen. Heißt, wenn man sich danach fühlt kann man sich durchaus engagieren, Verantwortung übernehmen und über seine Aufgaben hinaus etwas auf die Beine stellen; auf der anderen Seite kann man sich genau so gut mal zurück lehnen und sich auf passives Supervising beschränken. Grund dafür ist, dass wir uns gewissermaßen in einer rechtlichen Grauzone befinden. Wir gelten nicht als Angestellte und haben daher einige Grenzen in unserem Verantwortungsbereich (dürfen beispielsweise nicht mit den Kindern alleine gelassen werden). Allerdings gibt es überhaupt keine richtige policy für Volunteers. Demnach wäre uns rein rechtlich eigentlich nur Rumsitzen und Beobachten gestattet, wofür wir ja aber nicht nach Neuseeland gekommen sind und was auch nicht wirklich dem Geist der freiwilligen Arbeit entspricht. Es gab diesbezüglich schon viel Verwirrung und Diskussionen. Da die meisten Arbeiter aber ziemlich vernünftig sind, können wir uns dennoch voll beteiligen (wie gesagt, wenn man will). Für zukünftige Volunteers hoffen wir aber, dass sich dies ändert und es eine policy für sie gibt damit ihre Arbeit dann auch rechtlich gedeckt ist.
Mit unseren zahlreichen Mitarbeitern hier im Camp verstehen wir uns übrigens ausgezeichnet. Von vielen wurden wir schon zum Dinner eingeladen oder sind mit ihnen ins Pub gegangen. Mit einigen haben wir uns dann auch öfters mal zum Rugby spielen getroffen und sind mit ihnen durch die Clubs gezogen.
Eine der Angestellten hier, mit der wir uns besonders gut verstehen und mit der wir auch schon öfters was unternommen haben, hat bevor sie in dieses Camp gekommen ist schon in vielen anderen Health Camps gearbeitet und kann somit ganz gut Vergleiche ziehen. Von ihr haben wir erfahren, dass dieses Health Camp in vielerlei Hinsicht das schlechteste von allen ist. Es hat also den Anschein, dass andere Einrichtungen durchaus erfolgreicher sind, beziehungsweise viele der oben genannten Punkte auf die auf sie nicht zutreffen. Wir können halt nur über dieses eine berichten. Lasst euch auch von der Kritik nicht einreden, dass hier alles schlecht sei. Wir haben hier eine wirklich wunderbare Zeit. Allerdings dachten wir uns, dass es dem Leser reichlich wenig bringt, wenn wir hier von all den tollen, positiven Dingen Berichten, die er auch überall anders erfahren kann. Stattdessen wollten wir über die Sachverhalte informieren, über die man sonst nirgendwo hören würde.
Donnerstag, 27. März 2008
Kia Ora!
Ich muss fuer meine Austauschorga ja zwei Berichte schreiben. Da ich ja so ziemlich alles hier zusammen mit Max erleb haben wir uns gedacht schreiben wir das mal zusammen (ausserdem is das dann weniger Arbeit...). Also hier nun der erste der beiden Berichte. In ihm haben wir unsere Impressionen ueber das Land und die Leute, Vorurteile und Probleme, die Kultur und die Maoris festgehalten:
Aoteaora, das Land der langen weißen Wolke, das andere Ende der Welt, der grüne Fleck des Planeten, ein Land mit einer dünne Bevölkerungsschicht ohne Notstand und Kriminalität, belebt von der interessanten Kultur der Maori. Dies ungefähr schwebt einem vor, wenn man an Neuseeland denkt, und genau das wird einem auch vorgehalten, wenn man über dieses Land in Zeitschriften oder anderen Quellen liest.
Hört man von Neuseeland, so fallen die ersten Gedanken auf die atemberaubende Natur, die vielseitige Flora der nahezu unberührten Insel. Es ist keinem übel zu nehmen, dass dieser Gesichtspunkt überwiegt und niemand, auch nur nahezu an Missstände, Kulturprobleme und Kriminalität denkt, schließlich wird einem ja immer nur die eine Seite dieses Landes offenbart, wobei alle anderen Gesichtspunkte ganz einfach verschwiegen werden. Verständlich, wo ja einem jeden bewusst ist, dass eine der wenigen Einnahmequellen dieses Landes der Tourismus ist!
Das grüne Image der Insel kann zwar nicht widerlegt werden, da Neuseeland natürlich eine Vielzahl von spektakulären Naturschauspielen und unendlichen Weiten unberührter grüner Natur bietet, jedoch aber, wissen einige Kiwis (Einwohner Neuseelands) dieses Geschenk nicht so wirklich zu schätzen. Mit Sicherheit begegnen einem zu aller Erst die aufgepimpten Autos, welche hier von vielen, hauptsächlich jungen Menschen, stolz präsentiert werden.
Das typische Kiwi Auto wurde in China produziert, hat einen dicken Kühlergrill auf der Motorhaube, ist tiefer gelegt und zieht zu guter letzt einen überdimensionalen, am Boden schleifenden, ohrenbetäubenden Auspuff hinter sich her. Hört sich für euch jetzt wahrscheinlich ziemlich abwegig an, wenn man sich das Image Neuseelands noch mal durch den Kopf gehen lässt. Das Grüne Paradies, die Naturverbundene Bevölkerung, deren “angeblicher” Leidspruch, “Protect the green nature”, ist. Nichts desto trotz, es ist leider Fakt. Überall sind sie zu finden, ja sogar einen eigenen Namen haben sie. Als “Hoons” oder “Boyracer” werden sie hier bezeichnet.
Das ist jedoch leider nur ein Punkt der gegen die angebliche Naturverbundenheit spricht. Schockierend ist zum Beispiel auch, dass einige Städte (unter anderem Rotorua) keine Mülltrennung haben oder ihren Müll ganz einfach verbrennen, so ziemlich jeder sein Auto standardmäßig auf irgendeiner Wiese parkt und vieles mehr. Natürlich kann dieses Verhalten nicht auf jeden übertragen werden, dennoch ist es ein Punkt der einem schnell auffällt.
Nichts desto trotz sind wir immer noch von der Natur beeindruckt. Es sieht zwar alles etwas anders aus, als man es sich in Deutschland noch ausgemalt hat, dennoch sind so einige Fleckchen schon ein ziemliches Naturspektakel. Vor allem unser Südinseltrip:
Wir können nur sagen es war eine absolut gelungene Reise, die die unglaublichsten Eindrücke einer spektakulären Natur hinterlassen hat. Jetzt könnte man natürlich wieder einmal sagen: „Schaut euch einfach die Bilder an", was wir mit Sicherheit auch noch machen werden, doch leider verkörpern diese Bilder diesmal nicht die eigentliche, wirkliche Schönheit der Natur, da solch gigantische Proportionen, von Bergen, Tälern und Weiten, wie sie die Südinsel bietet, können auf Fotographien schlicht und einfach nicht wiedergegeben werden.
Dennoch, schaut euch einfach die Bilder an ;)!
Abgesehen von der Natur kann man über dass Land an sich sagen
dass es sehr an die USA erinnert, da viele Gegebenheiten stark an amerikanische Verhältnisse gekoppelt sind. Parallelen können in verschiedenen Bereichen wie zum Beispiel der Kleidung der Jugend, den Fastfoodketten, den Bauarten der Häuser und einigen Verhaltensmustern gefunden werden. Auch wenn wir dies Anfangs sehr schockierend fanden, haben wir uns mittlerweile schon damit abgefunden und haben uns unseres Erachtens schon ganz gut eingelebt. Wir persönlich kommen mit den Gegebenheiten soweit ganz gut zurecht und selbst die Jugend macht uns keine Probleme. Immer wieder lernt man nette Leute kennen, die auf den ersten Blick vielleicht eher irgendwelchen Ghettogangster ähneln, jedoch meist absolute nette Kerlchen sind.
Der Einfluss Amerikas macht jedoch einigen Menschen hier schwer zu schaffen, da es oft zu Gang - und Clanbildungen kommt und sich die Jugend dadurch schnell einen schlechten ruf macht. Wir hingegen haben bis jetzt nur wenige schlechte und eher überwiegend gute Erfahrungen mit der Jugend gemacht, da sie unseres Erachtens sehr aufgeschlossen und offen sind. Dennoch spielt, wie man öfter hört, Kriminalität eine nicht gerade kleine Rolle. Dies schlägt hauptsächlich in Richtung Drogenkonsum und Gewaltdelikte, was auch oft in Familien vor kommt, was wir hier selbst mitbekommen, da wir ja in einem Children’s Health Camp arbeiten miterleben in was für erschreckenden Familienverhältnissen die Kinder aufwachsen.
Dass hier wohl nicht alles so friedlich und reibungslos verläuft, haben wir schon relative früh bemerkt. An jedem Touristenschauplatz befinden sich Sicherheitshinweise, die darauf hinweisen sein Auto abzusperren und keine Wertsachen zu hinterlassen, da viele Neuseeländer die Ahnungslosigkeit der Touristen missbrauchen und somit die Gelegenheit zu etwas Geld zu kommen nutzen. Dies habe ich schon von mehreren Leuten hören müssen. Als wir unser Travelmonth starteten, hat uns keiner “have fun” oder ähnliches gewünscht, sondern jeder meinte nur “be save”, schlaft nicht am Straßenrand oder im Auto und travelt niemals alleine! Doch auch damit hatten wir auf unserem Südinseltrip keinerlei Probleme. Natürlich spielt die Kriminalität hier auf jeden Fall eine große Rolle, doch wenn man sich einmal vor Augen hält, dass Neuseeland eines der sichersten Länder der Welt ist, so merkt man schnell, dass das Kriminalitätsproblem hier ziemlich aufgepuscht wird. Es ist eben ein kleines Land und man bekommt auch die kleinsten Missstände mit, die zum Beispiel in Deutschland überhaupt nicht der Rede wert wären.
Dennoch sind die Statistiken, dass in jedem zweiten Haushalt eine Frau auf irgendeine Art und Weise missbraucht wird und dass es alleine im letzten Jahr 10 Mordfälle gegeben hat, schon etwas bedenklich.
Wir hatten nun schon einige interessante Gespräche mit neuen Bekanntschaften geführt, welche die Situation einiger Menschen ganz gut schildern. Zum Beispiel waren wir erst kürzlich bei meiner Nachbarin und hatten ein ziemlich langes, interessantes doch auch sehr schockierendes Gespräch.
Sie war früher Polizistin und konnte mir daher so einiges über die verschiedenen Probleme der Bevölkerung erzählen. Doch dazu später. Auch in ihrer Familie gab es so einige Dinge die in der Neuseeländischen Gesellschaft wohl kein Einzelfall sind.
Angefangen mit ihren Sohn, welcher Mitglied einer, hier sehr bekannten und gefürchteten Gang namens MM (Mango Mop) war.
Davor führte er ein ziemlich normales Durchschnittsleben, hatte ein Haus drei Autos und eine Familie mit drei Kindern. Irgendwann fing er an Drogen wie Hasch zu verkaufen um sich nebenbei noch ein bisschen Geld zu verdienen. Bald jedoch hat er es selbst konsumiert und ist schnell auf andere härtere Drogen gestoßen. Da seine Frau auch Drogen konsumierte, konnten sie bald nicht mehr das Geld aufbringen um ihre Drogensucht zu finanzieren und verkauften somit mit der Zeit ihr gesamtes Hab und Gut. Nach ein paar Jahren stand er auf einmal wieder vor meiner Nachbarins Tür und fragte nach Geld. Da sie aber ganz genau wusste, was er damit anstellen würde, gab sie ihm nichts aber nahm ihn und seine Familie bei sich zu hause auf. In dem letzten Jahr hat sich somit alles wieder soweit normalisiert, dass ihr Sohn clean ein mehr oder weniger geregeltes Leben führen kann.
Doch nicht nur ihren Sohn begleitet solch ein Schicksal. Auch sie hat einige schwere Lasten zu tragen. Mit 14 wurde sie vergewaltigt und in ihrer Ehe wurde sie von ihrem Mann schwerst misshandelt und fast zu Tode geprügelt. Dies ist gerade mal eine knappe Zusammenfassung von dem, was sie mir letzt endlich erzählte und klingt schon ziemlich erschreckend. Im Übrigen erzählte sie mir, sie sei nur eine von vielen hier in Neuseeland, die solche Qualen ertragen mussten oder immer noch in dieser Lage stecken.
Ein anderes Beispiel war der Besuch bei einer Kollegin. Als wir in ihrem kleinen, eher baufälligen Holzhaus ankamen, traf ich ihren Mann an, der mitten am Tag selbstverständlich in der Küche saß, Dope rauchte, Bier trank und Pferdewetten ausübte. Das erschreckende war, dass im Nebenzimmer seine Kinder an der Playstation saßen und von dem ganzen auch noch mitbekamen. Schien alles ganz normal zu sein und wenn man sich so umhört, ist es das in vielen Haushalten anscheinend auch. Doch nun genug negativer Erlebnisse.
Selbstverständlich machen wir hier überwiegend positive Erfahrungen, welche wir jetzt auch noch einmal kurz anschneiden werden. In erster Linie ist hier erst mal alles ganz gemütlich. Neben der Arbeit hat man so gesehen nicht sehr viel zu tun, was schnell in Langeweile ausschlagen kann, meist jedoch “sinnvoll” genutzt wird. Oft fahren wir zu den nahe gelegenen Seen, hängen einfach nur in der Stadt ab oder machen kleiner Trips irgendwo hin. Ist im Grossen und Ganzen sehr abenteuerreich. Wir haben hier auch schon einige Freunde gefunden, mit denen wir schon öfter Rugby spielen gingen oder ein paar Bierchen getrunken haben.
Ein großer Vorteil Rotoruas, unserer jetzigen Heimatstadt ist, dass ein großer Teil der Einwohner Maori ist.
Einen typischen Maori erkennt man üblicher Weise, ganz klar an seiner Hautfarbe, an seiner eher korpulenten, man will nicht sagen fetten Körperstruktur und an seiner mangelnden Anzahl an Zähnen. Natürlich gibt es nebenbei noch die absolut sportlichen und gepflegten Maoris, dennoch ist es erschreckend auffallend wie verwahrlost die meisten aussehen. Auch hier haben wir uns ein wenig umgehört, um heraus zu finden woran das liegen mag. Eine Bekanntschaft, welche auch Maori ist, erzählte uns, dass sich Maori üblicherweise um solche Dinge nicht scheren, solang sie ein Dach über den Kopf haben und etwas zwischen die “Zähne” kriegen, sei alles in bester Ordnung. Dazu kommt, dass grade traditionsbewusste Maoris in Sachen wie Zahnpflege stolz die Ansicht vertreten, wenn die Zähne rausfallen, dann sollte es so sein! Was auch noch sehr auffallend ist, ist dass die Maoris nahezu alles essen. Sie mixen die skurrilsten Sachen zusammen, bei denen unser einer eher angewidert sein würde. Auch hier hakten wir mal bei einem Kumpel, welcher auch Maori ist, nach. Er erklärte mir, dass in vielen Maorihaushalten nicht sehr viel Geld zur Verfügung steht, man sich daher nicht viel zu essen kaufen kann und dies viele dazu zwingt, dass wenige was zur Verfügung steht zusammenzumischen.
Ich würde Maoris im Allgemeinen als äußerst nette und freundliche Menschen beschreiben, die man jedoch näher kennen lernen muss um sie zu verstehen. Auf den ersten Blick mag ein großer Teil erst ein mal ein bisschen unsympathisch wirken, da sich die Jugend überwiegend Gangsterhaft kleidet und verhält und die ältere Generation ziemlich ungepflegt wirkt, dennoch muss man sagen, dass all dies meist nur eine Fassade ist und hinter den meisten, zumindest denen die wir kennen gelernt haben, absolute liebenswerte Menschen stecken. Tatsächlich haben Maoris häufig sogar mit Vorurteilen und Rassismus seitens der weißen Bevölkerungsgruppe zu kämpfen, welche jedoch nicht so stark ausgeprägt sind wie das australische Äquivalent. Auf der anderen Seite sind die Maoris und ihre Kultur erstaunlich gut in die Neuseeländische Gesellschaft integriert, denn was Neuseeland, im Gegensatz zu Ländern wie Amerika, am besten Definiert ist die Kunst und Kultur seiner Ureinwohner – der Maoris.
Zu guter letzt muss gesagt werden, dass Neuseeland kein Land ist, das man in ein paar Wochen hinterschauen kann, da es, sei es in Kultur oder Natur, so viele unterschiedlich Fassaden, Differenzen und Kontraste aufweist die einem nach und nach erst klar werden.
Alles in allem kann ich ganz klar sagen, dass dieses Jahr schon jetzt reichlich neue Erfahrungen und Eindrücke mit sich brachte. Manches war anders als erwartet, manches hat die Erwartungen bei weitem übertroffen und manches wird man wohl erst mit mehr Abstand völlig verstehen. Die Entscheidung ein Jahr im Ausland zu verbringen und insbesondere die nach Neuseeland zu kommen war definitiv die Beste die ich machen konnte.
Das wars dann auch schon wieder mit unserer kleinen Berichterstattung, ihr hört in sechs Monaten wieder von uns, bis dahin, machts gut!!
Ich muss fuer meine Austauschorga ja zwei Berichte schreiben. Da ich ja so ziemlich alles hier zusammen mit Max erleb haben wir uns gedacht schreiben wir das mal zusammen (ausserdem is das dann weniger Arbeit...). Also hier nun der erste der beiden Berichte. In ihm haben wir unsere Impressionen ueber das Land und die Leute, Vorurteile und Probleme, die Kultur und die Maoris festgehalten:
Hört man von Neuseeland, so fallen die ersten Gedanken auf die atemberaubende Natur, die vielseitige Flora der nahezu unberührten Insel. Es ist keinem übel zu nehmen, dass dieser Gesichtspunkt überwiegt und niemand, auch nur nahezu an Missstände, Kulturprobleme und Kriminalität denkt, schließlich wird einem ja immer nur die eine Seite dieses Landes offenbart, wobei alle anderen Gesichtspunkte ganz einfach verschwiegen werden. Verständlich, wo ja einem jeden bewusst ist, dass eine der wenigen Einnahmequellen dieses Landes der Tourismus ist!
Das grüne Image der Insel kann zwar nicht widerlegt werden, da Neuseeland natürlich eine Vielzahl von spektakulären Naturschauspielen und unendlichen Weiten unberührter grüner Natur bietet, jedoch aber, wissen einige Kiwis (Einwohner Neuseelands) dieses Geschenk nicht so wirklich zu schätzen. Mit Sicherheit begegnen einem zu aller Erst die aufgepimpten Autos, welche hier von vielen, hauptsächlich jungen Menschen, stolz präsentiert werden.
Das typische Kiwi Auto wurde in China produziert, hat einen dicken Kühlergrill auf der Motorhaube, ist tiefer gelegt und zieht zu guter letzt einen überdimensionalen, am Boden schleifenden, ohrenbetäubenden Auspuff hinter sich her. Hört sich für euch jetzt wahrscheinlich ziemlich abwegig an, wenn man sich das Image Neuseelands noch mal durch den Kopf gehen lässt. Das Grüne Paradies, die Naturverbundene Bevölkerung, deren “angeblicher” Leidspruch, “Protect the green nature”, ist. Nichts desto trotz, es ist leider Fakt. Überall sind sie zu finden, ja sogar einen eigenen Namen haben sie. Als “Hoons” oder “Boyracer” werden sie hier bezeichnet.
Das ist jedoch leider nur ein Punkt der gegen die angebliche Naturverbundenheit spricht. Schockierend ist zum Beispiel auch, dass einige Städte (unter anderem Rotorua) keine Mülltrennung haben oder ihren Müll ganz einfach verbrennen, so ziemlich jeder sein Auto standardmäßig auf irgendeiner Wiese parkt und vieles mehr. Natürlich kann dieses Verhalten nicht auf jeden übertragen werden, dennoch ist es ein Punkt der einem schnell auffällt.
Nichts desto trotz sind wir immer noch von der Natur beeindruckt. Es sieht zwar alles etwas anders aus, als man es sich in Deutschland noch ausgemalt hat, dennoch sind so einige Fleckchen schon ein ziemliches Naturspektakel. Vor allem unser Südinseltrip:
Wir können nur sagen es war eine absolut gelungene Reise, die die unglaublichsten Eindrücke einer spektakulären Natur hinterlassen hat. Jetzt könnte man natürlich wieder einmal sagen: „Schaut euch einfach die Bilder an", was wir mit Sicherheit auch noch machen werden, doch leider verkörpern diese Bilder diesmal nicht die eigentliche, wirkliche Schönheit der Natur, da solch gigantische Proportionen, von Bergen, Tälern und Weiten, wie sie die Südinsel bietet, können auf Fotographien schlicht und einfach nicht wiedergegeben werden.
Dennoch, schaut euch einfach die Bilder an ;)!
Abgesehen von der Natur kann man über dass Land an sich sagen
dass es sehr an die USA erinnert, da viele Gegebenheiten stark an amerikanische Verhältnisse gekoppelt sind. Parallelen können in verschiedenen Bereichen wie zum Beispiel der Kleidung der Jugend, den Fastfoodketten, den Bauarten der Häuser und einigen Verhaltensmustern gefunden werden. Auch wenn wir dies Anfangs sehr schockierend fanden, haben wir uns mittlerweile schon damit abgefunden und haben uns unseres Erachtens schon ganz gut eingelebt. Wir persönlich kommen mit den Gegebenheiten soweit ganz gut zurecht und selbst die Jugend macht uns keine Probleme. Immer wieder lernt man nette Leute kennen, die auf den ersten Blick vielleicht eher irgendwelchen Ghettogangster ähneln, jedoch meist absolute nette Kerlchen sind.
Der Einfluss Amerikas macht jedoch einigen Menschen hier schwer zu schaffen, da es oft zu Gang - und Clanbildungen kommt und sich die Jugend dadurch schnell einen schlechten ruf macht. Wir hingegen haben bis jetzt nur wenige schlechte und eher überwiegend gute Erfahrungen mit der Jugend gemacht, da sie unseres Erachtens sehr aufgeschlossen und offen sind. Dennoch spielt, wie man öfter hört, Kriminalität eine nicht gerade kleine Rolle. Dies schlägt hauptsächlich in Richtung Drogenkonsum und Gewaltdelikte, was auch oft in Familien vor kommt, was wir hier selbst mitbekommen, da wir ja in einem Children’s Health Camp arbeiten miterleben in was für erschreckenden Familienverhältnissen die Kinder aufwachsen.
Dass hier wohl nicht alles so friedlich und reibungslos verläuft, haben wir schon relative früh bemerkt. An jedem Touristenschauplatz befinden sich Sicherheitshinweise, die darauf hinweisen sein Auto abzusperren und keine Wertsachen zu hinterlassen, da viele Neuseeländer die Ahnungslosigkeit der Touristen missbrauchen und somit die Gelegenheit zu etwas Geld zu kommen nutzen. Dies habe ich schon von mehreren Leuten hören müssen. Als wir unser Travelmonth starteten, hat uns keiner “have fun” oder ähnliches gewünscht, sondern jeder meinte nur “be save”, schlaft nicht am Straßenrand oder im Auto und travelt niemals alleine! Doch auch damit hatten wir auf unserem Südinseltrip keinerlei Probleme. Natürlich spielt die Kriminalität hier auf jeden Fall eine große Rolle, doch wenn man sich einmal vor Augen hält, dass Neuseeland eines der sichersten Länder der Welt ist, so merkt man schnell, dass das Kriminalitätsproblem hier ziemlich aufgepuscht wird. Es ist eben ein kleines Land und man bekommt auch die kleinsten Missstände mit, die zum Beispiel in Deutschland überhaupt nicht der Rede wert wären.
Dennoch sind die Statistiken, dass in jedem zweiten Haushalt eine Frau auf irgendeine Art und Weise missbraucht wird und dass es alleine im letzten Jahr 10 Mordfälle gegeben hat, schon etwas bedenklich.
Wir hatten nun schon einige interessante Gespräche mit neuen Bekanntschaften geführt, welche die Situation einiger Menschen ganz gut schildern. Zum Beispiel waren wir erst kürzlich bei meiner Nachbarin und hatten ein ziemlich langes, interessantes doch auch sehr schockierendes Gespräch.
Sie war früher Polizistin und konnte mir daher so einiges über die verschiedenen Probleme der Bevölkerung erzählen. Doch dazu später. Auch in ihrer Familie gab es so einige Dinge die in der Neuseeländischen Gesellschaft wohl kein Einzelfall sind.
Angefangen mit ihren Sohn, welcher Mitglied einer, hier sehr bekannten und gefürchteten Gang namens MM (Mango Mop) war.
Davor führte er ein ziemlich normales Durchschnittsleben, hatte ein Haus drei Autos und eine Familie mit drei Kindern. Irgendwann fing er an Drogen wie Hasch zu verkaufen um sich nebenbei noch ein bisschen Geld zu verdienen. Bald jedoch hat er es selbst konsumiert und ist schnell auf andere härtere Drogen gestoßen. Da seine Frau auch Drogen konsumierte, konnten sie bald nicht mehr das Geld aufbringen um ihre Drogensucht zu finanzieren und verkauften somit mit der Zeit ihr gesamtes Hab und Gut. Nach ein paar Jahren stand er auf einmal wieder vor meiner Nachbarins Tür und fragte nach Geld. Da sie aber ganz genau wusste, was er damit anstellen würde, gab sie ihm nichts aber nahm ihn und seine Familie bei sich zu hause auf. In dem letzten Jahr hat sich somit alles wieder soweit normalisiert, dass ihr Sohn clean ein mehr oder weniger geregeltes Leben führen kann.
Doch nicht nur ihren Sohn begleitet solch ein Schicksal. Auch sie hat einige schwere Lasten zu tragen. Mit 14 wurde sie vergewaltigt und in ihrer Ehe wurde sie von ihrem Mann schwerst misshandelt und fast zu Tode geprügelt. Dies ist gerade mal eine knappe Zusammenfassung von dem, was sie mir letzt endlich erzählte und klingt schon ziemlich erschreckend. Im Übrigen erzählte sie mir, sie sei nur eine von vielen hier in Neuseeland, die solche Qualen ertragen mussten oder immer noch in dieser Lage stecken.
Ein anderes Beispiel war der Besuch bei einer Kollegin. Als wir in ihrem kleinen, eher baufälligen Holzhaus ankamen, traf ich ihren Mann an, der mitten am Tag selbstverständlich in der Küche saß, Dope rauchte, Bier trank und Pferdewetten ausübte. Das erschreckende war, dass im Nebenzimmer seine Kinder an der Playstation saßen und von dem ganzen auch noch mitbekamen. Schien alles ganz normal zu sein und wenn man sich so umhört, ist es das in vielen Haushalten anscheinend auch. Doch nun genug negativer Erlebnisse.
Selbstverständlich machen wir hier überwiegend positive Erfahrungen, welche wir jetzt auch noch einmal kurz anschneiden werden. In erster Linie ist hier erst mal alles ganz gemütlich. Neben der Arbeit hat man so gesehen nicht sehr viel zu tun, was schnell in Langeweile ausschlagen kann, meist jedoch “sinnvoll” genutzt wird. Oft fahren wir zu den nahe gelegenen Seen, hängen einfach nur in der Stadt ab oder machen kleiner Trips irgendwo hin. Ist im Grossen und Ganzen sehr abenteuerreich. Wir haben hier auch schon einige Freunde gefunden, mit denen wir schon öfter Rugby spielen gingen oder ein paar Bierchen getrunken haben.
Ein großer Vorteil Rotoruas, unserer jetzigen Heimatstadt ist, dass ein großer Teil der Einwohner Maori ist.
Ich würde Maoris im Allgemeinen als äußerst nette und freundliche Menschen beschreiben, die man jedoch näher kennen lernen muss um sie zu verstehen. Auf den ersten Blick mag ein großer Teil erst ein mal ein bisschen unsympathisch wirken, da sich die Jugend überwiegend Gangsterhaft kleidet und verhält und die ältere Generation ziemlich ungepflegt wirkt, dennoch muss man sagen, dass all dies meist nur eine Fassade ist und hinter den meisten, zumindest denen die wir kennen gelernt haben, absolute liebenswerte Menschen stecken. Tatsächlich haben Maoris häufig sogar mit Vorurteilen und Rassismus seitens der weißen Bevölkerungsgruppe zu kämpfen, welche jedoch nicht so stark ausgeprägt sind wie das australische Äquivalent. Auf der anderen Seite sind die Maoris und ihre Kultur erstaunlich gut in die Neuseeländische Gesellschaft integriert, denn was Neuseeland, im Gegensatz zu Ländern wie Amerika, am besten Definiert ist die Kunst und Kultur seiner Ureinwohner – der Maoris.
Zu guter letzt muss gesagt werden, dass Neuseeland kein Land ist, das man in ein paar Wochen hinterschauen kann, da es, sei es in Kultur oder Natur, so viele unterschiedlich Fassaden, Differenzen und Kontraste aufweist die einem nach und nach erst klar werden.
Alles in allem kann ich ganz klar sagen, dass dieses Jahr schon jetzt reichlich neue Erfahrungen und Eindrücke mit sich brachte. Manches war anders als erwartet, manches hat die Erwartungen bei weitem übertroffen und manches wird man wohl erst mit mehr Abstand völlig verstehen. Die Entscheidung ein Jahr im Ausland zu verbringen und insbesondere die nach Neuseeland zu kommen war definitiv die Beste die ich machen konnte.
Das wars dann auch schon wieder mit unserer kleinen Berichterstattung, ihr hört in sechs Monaten wieder von uns, bis dahin, machts gut!!
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