Donnerstag, 27. März 2008

Kia Ora!

Ich muss fuer meine Austauschorga ja zwei Berichte schreiben. Da ich ja so ziemlich alles hier zusammen mit Max erleb haben wir uns gedacht schreiben wir das mal zusammen (ausserdem is das dann weniger Arbeit...). Also hier nun der erste der beiden Berichte. In ihm haben wir unsere Impressionen ueber das Land und die Leute, Vorurteile und Probleme, die Kultur und die Maoris festgehalten:




Aoteaora, das Land der langen weißen Wolke, das andere Ende der Welt, der grüne Fleck des Planeten, ein Land mit einer dünne Bevölkerungsschicht ohne Notstand und Kriminalität, belebt von der interessanten Kultur der Maori. Dies ungefähr schwebt einem vor, wenn man an Neuseeland denkt, und genau das wird einem auch vorgehalten, wenn man über dieses Land in Zeitschriften oder anderen Quellen liest.
Hört man von Neuseeland, so fallen die ersten Gedanken auf die atemberaubende Natur, die vielseitige Flora der nahezu unberührten Insel. Es ist keinem übel zu nehmen, dass dieser Gesichtspunkt überwiegt und niemand, auch nur nahezu an Missstände, Kulturprobleme und Kriminalität denkt, schließlich wird einem ja immer nur die eine Seite dieses Landes offenbart, wobei alle anderen Gesichtspunkte ganz einfach verschwiegen werden. Verständlich, wo ja einem jeden bewusst ist, dass eine der wenigen Einnahmequellen dieses Landes der Tourismus ist!
Das grüne Image der Insel kann zwar nicht widerlegt werden, da Neuseeland natürlich eine Vielzahl von spektakulären Naturschauspielen und unendlichen Weiten unberührter grüner Natur bietet, jedoch aber, wissen einige Kiwis (Einwohner Neuseelands) dieses Geschenk nicht so wirklich zu schätzen. Mit Sicherheit begegnen einem zu aller Erst die aufgepimpten Autos, welche hier von vielen, hauptsächlich jungen Menschen, stolz präsentiert werden.
Das typische Kiwi Auto wurde in China produziert, hat einen dicken Kühlergrill auf der Motorhaube, ist tiefer gelegt und zieht zu guter letzt einen überdimensionalen, am Boden schleifenden, ohrenbetäubenden Auspuff hinter sich her. Hört sich für euch jetzt wahrscheinlich ziemlich abwegig an, wenn man sich das Image Neuseelands noch mal durch den Kopf gehen lässt. Das Grüne Paradies, die Naturverbundene Bevölkerung, deren “angeblicher” Leidspruch, “Protect the green nature”, ist. Nichts desto trotz, es ist leider Fakt. Überall sind sie zu finden, ja sogar einen eigenen Namen haben sie. Als “Hoons” oder “Boyracer” werden sie hier bezeichnet.
Das ist jedoch leider nur ein Punkt der gegen die angebliche Naturverbundenheit spricht. Schockierend ist zum Beispiel auch, dass einige Städte (unter anderem Rotorua) keine Mülltrennung haben oder ihren Müll ganz einfach verbrennen, so ziemlich jeder sein Auto standardmäßig auf irgendeiner Wiese parkt und vieles mehr. Natürlich kann dieses Verhalten nicht auf jeden übertragen werden, dennoch ist es ein Punkt der einem schnell auffällt.
Nichts desto trotz sind wir immer noch von der Natur beeindruckt. Es sieht zwar alles etwas anders aus, als man es sich in Deutschland noch ausgemalt hat, dennoch sind so einige Fleckchen schon ein ziemliches Naturspektakel. Vor allem unser Südinseltrip:
Wir können nur sagen es war eine absolut gelungene Reise, die die unglaublichsten Eindrücke einer spektakulären Natur hinterlassen hat. Jetzt könnte man natürlich wieder einmal sagen: „Schaut euch einfach die Bilder an", was wir mit Sicherheit auch noch machen werden, doch leider verkörpern diese Bilder diesmal nicht die eigentliche, wirkliche Schönheit der Natur, da solch gigantische Proportionen, von Bergen, Tälern und Weiten, wie sie die Südinsel bietet, können auf Fotographien schlicht und einfach nicht wiedergegeben werden.
Dennoch, schaut euch einfach die Bilder an ;)!

Abgesehen von der Natur kann man über dass Land an sich sagen
dass es sehr an die USA erinnert, da viele Gegebenheiten stark an amerikanische Verhältnisse gekoppelt sind. Parallelen können in verschiedenen Bereichen wie zum Beispiel der Kleidung der Jugend, den Fastfoodketten, den Bauarten der Häuser und einigen Verhaltensmustern gefunden werden. Auch wenn wir dies Anfangs sehr schockierend fanden, haben wir uns mittlerweile schon damit abgefunden und haben uns unseres Erachtens schon ganz gut eingelebt. Wir persönlich kommen mit den Gegebenheiten soweit ganz gut zurecht und selbst die Jugend macht uns keine Probleme. Immer wieder lernt man nette Leute kennen, die auf den ersten Blick vielleicht eher irgendwelchen Ghettogangster ähneln, jedoch meist absolute nette Kerlchen sind.
Der Einfluss Amerikas macht jedoch einigen Menschen hier schwer zu schaffen, da es oft zu Gang - und Clanbildungen kommt und sich die Jugend dadurch schnell einen schlechten ruf macht. Wir hingegen haben bis jetzt nur wenige schlechte und eher überwiegend gute Erfahrungen mit der Jugend gemacht, da sie unseres Erachtens sehr aufgeschlossen und offen sind. Dennoch spielt, wie man öfter hört, Kriminalität eine nicht gerade kleine Rolle. Dies schlägt hauptsächlich in Richtung Drogenkonsum und Gewaltdelikte, was auch oft in Familien vor kommt, was wir hier selbst mitbekommen, da wir ja in einem Children’s Health Camp arbeiten miterleben in was für erschreckenden Familienverhältnissen die Kinder aufwachsen.

Dass hier wohl nicht alles so friedlich und reibungslos verläuft, haben wir schon relative früh bemerkt. An jedem Touristenschauplatz befinden sich Sicherheitshinweise, die darauf hinweisen sein Auto abzusperren und keine Wertsachen zu hinterlassen, da viele Neuseeländer die Ahnungslosigkeit der Touristen missbrauchen und somit die Gelegenheit zu etwas Geld zu kommen nutzen. Dies habe ich schon von mehreren Leuten hören müssen. Als wir unser Travelmonth starteten, hat uns keiner “have fun” oder ähnliches gewünscht, sondern jeder meinte nur “be save”, schlaft nicht am Straßenrand oder im Auto und travelt niemals alleine! Doch auch damit hatten wir auf unserem Südinseltrip keinerlei Probleme. Natürlich spielt die Kriminalität hier auf jeden Fall eine große Rolle, doch wenn man sich einmal vor Augen hält, dass Neuseeland eines der sichersten Länder der Welt ist, so merkt man schnell, dass das Kriminalitätsproblem hier ziemlich aufgepuscht wird. Es ist eben ein kleines Land und man bekommt auch die kleinsten Missstände mit, die zum Beispiel in Deutschland überhaupt nicht der Rede wert wären.
Dennoch sind die Statistiken, dass in jedem zweiten Haushalt eine Frau auf irgendeine Art und Weise missbraucht wird und dass es alleine im letzten Jahr 10 Mordfälle gegeben hat, schon etwas bedenklich.
Wir hatten nun schon einige interessante Gespräche mit neuen Bekanntschaften geführt, welche die Situation einiger Menschen ganz gut schildern. Zum Beispiel waren wir erst kürzlich bei meiner Nachbarin und hatten ein ziemlich langes, interessantes doch auch sehr schockierendes Gespräch.
Sie war früher Polizistin und konnte mir daher so einiges über die verschiedenen Probleme der Bevölkerung erzählen. Doch dazu später. Auch in ihrer Familie gab es so einige Dinge die in der Neuseeländischen Gesellschaft wohl kein Einzelfall sind.
Angefangen mit ihren Sohn, welcher Mitglied einer, hier sehr bekannten und gefürchteten Gang namens MM (Mango Mop) war.
Davor führte er ein ziemlich normales Durchschnittsleben, hatte ein Haus drei Autos und eine Familie mit drei Kindern. Irgendwann fing er an Drogen wie Hasch zu verkaufen um sich nebenbei noch ein bisschen Geld zu verdienen. Bald jedoch hat er es selbst konsumiert und ist schnell auf andere härtere Drogen gestoßen. Da seine Frau auch Drogen konsumierte, konnten sie bald nicht mehr das Geld aufbringen um ihre Drogensucht zu finanzieren und verkauften somit mit der Zeit ihr gesamtes Hab und Gut. Nach ein paar Jahren stand er auf einmal wieder vor meiner Nachbarins Tür und fragte nach Geld. Da sie aber ganz genau wusste, was er damit anstellen würde, gab sie ihm nichts aber nahm ihn und seine Familie bei sich zu hause auf. In dem letzten Jahr hat sich somit alles wieder soweit normalisiert, dass ihr Sohn clean ein mehr oder weniger geregeltes Leben führen kann.
Doch nicht nur ihren Sohn begleitet solch ein Schicksal. Auch sie hat einige schwere Lasten zu tragen. Mit 14 wurde sie vergewaltigt und in ihrer Ehe wurde sie von ihrem Mann schwerst misshandelt und fast zu Tode geprügelt. Dies ist gerade mal eine knappe Zusammenfassung von dem, was sie mir letzt endlich erzählte und klingt schon ziemlich erschreckend. Im Übrigen erzählte sie mir, sie sei nur eine von vielen hier in Neuseeland, die solche Qualen ertragen mussten oder immer noch in dieser Lage stecken.
Ein anderes Beispiel war der Besuch bei einer Kollegin. Als wir in ihrem kleinen, eher baufälligen Holzhaus ankamen, traf ich ihren Mann an, der mitten am Tag selbstverständlich in der Küche saß, Dope rauchte, Bier trank und Pferdewetten ausübte. Das erschreckende war, dass im Nebenzimmer seine Kinder an der Playstation saßen und von dem ganzen auch noch mitbekamen. Schien alles ganz normal zu sein und wenn man sich so umhört, ist es das in vielen Haushalten anscheinend auch. Doch nun genug negativer Erlebnisse.
Selbstverständlich machen wir hier überwiegend positive Erfahrungen, welche wir jetzt auch noch einmal kurz anschneiden werden. In erster Linie ist hier erst mal alles ganz gemütlich. Neben der Arbeit hat man so gesehen nicht sehr viel zu tun, was schnell in Langeweile ausschlagen kann, meist jedoch “sinnvoll” genutzt wird. Oft fahren wir zu den nahe gelegenen Seen, hängen einfach nur in der Stadt ab oder machen kleiner Trips irgendwo hin. Ist im Grossen und Ganzen sehr abenteuerreich. Wir haben hier auch schon einige Freunde gefunden, mit denen wir schon öfter Rugby spielen gingen oder ein paar Bierchen getrunken haben.

Ein großer Vorteil Rotoruas, unserer jetzigen Heimatstadt ist, dass ein großer Teil der Einwohner Maori ist.
Einen typischen Maori erkennt man üblicher Weise, ganz klar an seiner Hautfarbe, an seiner eher korpulenten, man will nicht sagen fetten Körperstruktur und an seiner mangelnden Anzahl an Zähnen. Natürlich gibt es nebenbei noch die absolut sportlichen und gepflegten Maoris, dennoch ist es erschreckend auffallend wie verwahrlost die meisten aussehen. Auch hier haben wir uns ein wenig umgehört, um heraus zu finden woran das liegen mag. Eine Bekanntschaft, welche auch Maori ist, erzählte uns, dass sich Maori üblicherweise um solche Dinge nicht scheren, solang sie ein Dach über den Kopf haben und etwas zwischen die “Zähne” kriegen, sei alles in bester Ordnung. Dazu kommt, dass grade traditionsbewusste Maoris in Sachen wie Zahnpflege stolz die Ansicht vertreten, wenn die Zähne rausfallen, dann sollte es so sein! Was auch noch sehr auffallend ist, ist dass die Maoris nahezu alles essen. Sie mixen die skurrilsten Sachen zusammen, bei denen unser einer eher angewidert sein würde. Auch hier hakten wir mal bei einem Kumpel, welcher auch Maori ist, nach. Er erklärte mir, dass in vielen Maorihaushalten nicht sehr viel Geld zur Verfügung steht, man sich daher nicht viel zu essen kaufen kann und dies viele dazu zwingt, dass wenige was zur Verfügung steht zusammenzumischen.
Ich würde Maoris im Allgemeinen als äußerst nette und freundliche Menschen beschreiben, die man jedoch näher kennen lernen muss um sie zu verstehen. Auf den ersten Blick mag ein großer Teil erst ein mal ein bisschen unsympathisch wirken, da sich die Jugend überwiegend Gangsterhaft kleidet und verhält und die ältere Generation ziemlich ungepflegt wirkt, dennoch muss man sagen, dass all dies meist nur eine Fassade ist und hinter den meisten, zumindest denen die wir kennen gelernt haben, absolute liebenswerte Menschen stecken. Tatsächlich haben Maoris häufig sogar mit Vorurteilen und Rassismus seitens der weißen Bevölkerungsgruppe zu kämpfen, welche jedoch nicht so stark ausgeprägt sind wie das australische Äquivalent. Auf der anderen Seite sind die Maoris und ihre Kultur erstaunlich gut in die Neuseeländische Gesellschaft integriert, denn was Neuseeland, im Gegensatz zu Ländern wie Amerika, am besten Definiert ist die Kunst und Kultur seiner Ureinwohner – der Maoris.
Zu guter letzt muss gesagt werden, dass Neuseeland kein Land ist, das man in ein paar Wochen hinterschauen kann, da es, sei es in Kultur oder Natur, so viele unterschiedlich Fassaden, Differenzen und Kontraste aufweist die einem nach und nach erst klar werden.

Alles in allem kann ich ganz klar sagen, dass dieses Jahr schon jetzt reichlich neue Erfahrungen und Eindrücke mit sich brachte. Manches war anders als erwartet, manches hat die Erwartungen bei weitem übertroffen und manches wird man wohl erst mit mehr Abstand völlig verstehen. Die Entscheidung ein Jahr im Ausland zu verbringen und insbesondere die nach Neuseeland zu kommen war definitiv die Beste die ich machen konnte.

Das wars dann auch schon wieder mit unserer kleinen Berichterstattung, ihr hört in sechs Monaten wieder von uns, bis dahin, machts gut!!